Interview

„Das ist der KiJohann_Kreiterck im Leben“

Als Behinderter die Welt bereisen? Kein Problem für Johann Kreiter (64). Seit Teenagertagen sitzt der Stuttgarter mit Polio im Rollstuhl – und ist seitdem Grenzgänger auf nahezu allen Kontinenten.

 

Wann haben Sie für sich entschieden, trotz Behinderung auf Reisen zu gehen?

Nach meiner Lehrzeit fuhr ich mit Freunden zum Gardasee – sozusagen mein erster Urlaub. Das klappte gut und ich wollte mehr.

Wie viele Länder haben Sie denn bereits besucht?

Bislang sind es 47.

Und wie viele kommen noch dazu?

Keine Ahnung, ich setze mir keine bestimmte Zahl. So lange es geht, will ich mich in dieser Welt herumbewegen.

Wo hat es Ihnen am besten gefallen?

Kanada, von der Natur her das fantastischste Land, das ich erleben durfte. Sieben Wochen war ich mit dem Auto unterwegs, Norden, Westen, Osten, Mitte, die Rocky Mountains…

Ist man in Nordamerika besser auf Behinderte eingestellt?

Von den Kanadiern war ich richtig fasziniert. Da bin ich mit dem Rollstuhl zum Auto gefahren und die Leute fragten mich sofort, ob sie mir helfen können. Ein unwahrscheinlich gutes Gefühl.

 

Gibt es LänderRCP-7325XS, die sich Ihrer Meinung nach besonders gut als Urlaubsziel für Behinderte eignen?

Skandinavien, Spanien oder Italien, mittlerweile sogar die Arabischen Emirate. Imponierend war St. Petersburg – fast alle Sehenswürdigkeiten waren Barrierefrei.

 

Und welche scheiden von vornherein für Sie aus?

Ich hab keine Vorurteile und beurteile erst, wenn ich dort war. Ich kann mir alles vorstellen.

Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie auf Reisen denn am meisten zu kämpfen?

Ganz klar die mancherorts mangelnde Barrierefreiheit. Ebenerdige Eingänge und ein guter Zugang für den Rollstuhl sind. Man kann aber immer auch improvisieren. Ein Beispiel: Ich setze mich im Vorfeld mit dem Hotel in Verbindung und frage, ob es eine behindertengerechte Dusche gibt, wie die Nasszelle aussieht…davon ist unter anderem abhängig, was ich mitnehmen muss und was ich zu Hause lassen kann. Ich kann mir ja ein Sitzbrett für die Badewanne mitnehmen, dann ich kann ich immer noch duschen.

Klappt das immer?

Leider nein. Beim letzten Mal in Thessaloniki wurde mir ein Zimmer angeboten, wo die Dusche hinter der Toilette war. Ich hätte über das Klo springen müssen, um unter die Dusche zu kommen. Das hab ich dann reklamiert, und dann hat mir der Hotelier notgedrungen eine fast barrierefreie Unterkunft angeboten. Man muss einfach dranbleiben und sich durchsetzen.

Wie ist es mit Zimmern im ersten Stock und keinem Lift im Haus? Sollte man sich dann hoch ins Zimmer tragen lassen?

Da hört es dann mit der Improvisation auf. Eine gewisse Selbstständigkeit muss ich haben und nicht in irgendeiner Abhängigkeit vom Personal stehen, so dass mich eventuell ein Bandscheibengeschädigter die Treppen herunter trägt. Das kommt für mich nicht in Frage.

Und wenn ein Lift im Haus ist, aber ein Feuer ausbricht und er nicht funktioniert?

Das kann Ihnen theoretisch überall passieren. Ebenerdige Zimmer gibt es in fast keinem Hotel.

Das Kopie (2) von Mönch und Hans Sri Lanka_1Prinzip Hoffnung?

Ja, wie bei jedem anderen Reisenden auch. Ein bisschen Optimismus gehört dazu. Genau wie im Flugzeug. Da sitze immer auf einem Fensterplatz. Sollte etwas passieren, bin ich der letzte, der aus dem Flugzeug rauskommt.

 

Sitzen Sie da freiwillig?

Ja, denn bei einem Platz im Mittelgang müssten meine Sitznachbarn ja jedes Mal über mich klettern, um rauszukommen. Außerdem genieße ich die Aussicht: Die Wolken, die geografischen Feinheiten unter mir, die Alpen bei Flügen nach Spanien oder Vulkane wie den Stromboli oder den Vesuv auf dem Weg nach Afrika. Das macht die Reise auch angenehm kurzweilig.

Und die viel zu kleinen Bordtoiletten?

Da kann man sich drauf vorbereiten. Nach Vancouver war ich gut 24 Stunden unterwegs und hatte kaum Chancen, aufs Klo zu kommen. In solchen Fällen halte ich mich bereits anderthalb Tage vor dem Abflug mit dem Essen zurück und gehe kurz zuvor noch einmal ausgiebig auf die Toilette. Dann geht es ganz gut. Und selbst in der Economy ist es nicht so schlimm. Oft kann man selbst als Passagier der Holzklasse die geräumigeren Toiletten der Business- und First Class nutzen.

Damit kann man aber nicht rechnen.

Genau, deswegen habe ich auf langen Reisen auch immer eine Pinkelflasche dabei, damit ich das im Notfall nachts, wenn alle schlafen, unter dem Sitz erledigen kann. Ich deck das dann mit meiner Jacke und durch den Flaschenverschluss riecht das auch nicht. Für Frauen ist es natürlich problematischer. Die nehmen dann häufig saugkräftige Windeln mit, auch Katheter sind möglich – gerade bei Querschnittsgelähmten. Das Problem ist definitiv lösbar.

Wie ist das am Boden. Sind alle Flughäfen geeignet?

Eigentlich schon. Bislang habe ich nur einmal ernste Schwierigkeiten gehabt, in Agadir in Marokko. Da wollte war das Personal schlecht ausgebildet und wollte mich im Rollstuhl die Treppe runterschieben. Ein Unding.

 

Wie gut oder schlecht ist denn Deutschland Ihrer Meinung nach auf Behinderte eingerichtet?

DSCF9035_1Eigentlich nicht schlecht, das muss man ehrlicherweise so sagen. Aber die Deutschen haben ein Problem, mit der Thematik richtig umzugehen. Wenn Sie sich beispielsweise die Internetseiten vieler Regionen ansehen, erblicken Sie kaum direkte Hinweise auf Menschen mit Behinderungen. Städte wie Erfurt oder Länder wie Mecklenburg-Vorpommern oder Baden-Württemberg sind zwar schon darauf eingestellt – aber es gibt viele Städte, Regionen und Bundesländer, wo jeder Hinweis fehlt. Das halte ich für extrem kurzsichtig, da es ja nicht nur um Rollstuhlfahrer geht, sondern auch um Senioren oder Schwangere, die von Barrierefreiheit besonders profitieren.

Finden Sie bei den großen Veranstaltern wie Thomas Cook/Neckermann, TUI oder FTI barrierefreie Angebote?

Da krankt es überall, für die sind Behinderte keine Zielgruppe. Neckermann weist in den Katalogen zwar barrierefreie Zimmer aus – aber wie das im Detail aussieht, weiß man als behinderter Gast nicht.

Einige Veranstalter haben angeblich Sorge, ihre Stammkundschaft mit Hinweisen auf im Urlaubsort anzutreffende Behinderte zu verprellen.

Das ist absoluter Blödsinn, eine billige Ausrede, mehr nicht. Jeder Mensch, der mit Barrierefreiheit konfrontiert wird, profitiert davon. Wenn Sie sich beispielsweise im Winterurlaub ein Bein brechen, müssen Sie bei entsprechender Barrierefreiheit nicht zwingend als Gast abreisen und bleiben dem Hotelier erhalten. Zudem ist das ganze Thema auch unter wirtschaftlichen Aspekten viel zu kurz gedacht. Schwerbehinderte reisen selten allein und sind besonders zieltreu, wenn sie irgendwo sich gut aufgehoben fühlen.

Sind kleinere Spezialreiseveranstalter die bessere Wahl?

Ja, denn die wissen ganz genau, was sie verkaufen und haben ausreichend Erfahrung mit dieser Klientel. Mich spricht das aber gar nicht so sehr an, ich bin eher Individualist und nicht der typische Gruppenreisende. Wobei das wegen dem starken sozialen Zusammengehörigkeitsgefühl für viele einen Reiz hat.

Können Sie Behinderte verstehen, die zwar in der Lage wären, zu verreisen, aber dennoch daheim bleiben?

Das trifft ja auch auf viele Nichtbehinderte zu. Das versteh ich schon, das ist nachvollziehbar. Aber ich bin neugierig, Neues zu entdecken und zu erleben. Das ist der Kick im Leben und für Menschen mit Behinderung noch einmal eine ganz besondere Herausforderung.

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